Textilindustrie digital: Bessere Passform, weniger Verschnitt

Der deutsche Onlinehandel ist laut dem Handelsverband Deutschland HDE auf rund 53,5 Milliarden Euro gewachsen. Die Hälfte des Umsatzes entfällt auf Mode, die im Internet bestellt wird. Bei der Online-Bestellung einen Treffer in der korrekten Größe und Passform zu landen, gleicht allerdings oft einem Ratespiel. Kunden behelfen sich damit, dass sie das gewünschte Stück einfach in mehreren Größen und Schnitten bestellen. Das, was nicht passt, wird portofrei zurückgeschickt. Sehr praktisch – aber nicht wirklich umweltfreundlich.

Das britische Unternehmen Metail möchte das ändern und bietet Onlinekunden mit MeModel die Möglichkeit, mit der Angabe ihrer Größe, des Gewichts, dem Brustumfang bzw. der BH-Größe, ein persönliches digitales Model zu erstellen. Ein mit diesen Daten generierter Avatar spiegelt laut Metail dann mit 96%-iger Genauigkeit den tatsächlichen Körperbau wieder. Der in der Software integrierte Algorithmus berechnet dann noch Taille und Hüftumfang und empfiehlt die Kleidungsstücke nach Passform und Größe, die man sich dann am eigenen Avatar ansehen kann. Das digitale Model wird leider noch nicht mit dem eigenen Bild des Users generiert. Um es aber möglichst nah an dessen Erscheinungsbild anzupassen, kann die Haarfarbe geändert und zwischen einer Darstellung mit offenen oder hochgesteckten Haaren entschieden werden.

Einzelhändlern und Marken verspricht Metail, neben der Vermeidung von Retouren, Analysen zur Effizienzsteigerung der Bestände, die auf Basis der Kundendaten erstellt werden können. Dazu steigert die Auswertung von Präferenzen die Markenbindung, denn je mehr ein Anbieter über seine Kunden weiß, desto besser kann er sie bedienen. Ein weiterer Service des Unternehmens ist die Digitalisierung von Kleidungsstücken und Kollektionen – in der schnell drehenden Textilindustrie ein kostenintensiver Faktor. Hier hat Metail eine digitale Methode entwickelt, die Prozesse beschleunigt, vereinfacht und Kosten spart. Per Composing werden Kleider schon im Designstadium mit digitalisierten Körpern kombiniert, bevor das echte Kleidungsstück überhaupt hergestellt ist. Das spart Zeit und Kosten.

Auch im B2B ist der Passform-Service von Metail hilfreich und könnte zum Beispiel bei der Ermittlung des besten Fits von Promotionkleidung und Workwear unterstützen. Auch im PromoTex Vortragsprogramm steht das Thema Passform auf dem Programm. Prof. Dr.-Ing. Thomas Schneider hält am 9. Januar 2020 auf der Bühne des Forum13 den Vortrag: „Promotionkleidung transportiert das Image einer Marke und sorgt für Wiedererkennung. Doch die schönste Optik nützt wenig, wenn die Kleidung unbequem ist und die Qualität nicht stimmt.“

Das japanische Forschungskollektiv Signflux verfolgt mit dem Einsatz von digitaler Technologie einen ganz anderen Ansatz. Hier suchen die Experten in der Zusammenarbeit mit Modedesignern, Ingenieuren, Architekten, Forschern und Wissenschaftlern nach neuen nachhaltigen Paradigmen für die Textilindustrie. Signflux hat insbesondere die Schnitte im Visier und schafft es, mit Hilfe künstlicher Intelligenz maßgeschneiderte Kleidung ohne Verschnitt herzustellen. Die Verwendung von Schnittmustern, die – von der menschlichen Körperform vorgegeben – auf Rundungen basieren und auf quadratische Stoffe übertragen werden, hinterlässt rund 15 % Stoff, der ungenutzt zu Abfall wird. Signflux erreicht mit der Zero-Waste-Technik, die auf historischen japanischen Schnittmustertechniken basiert und per Algorithmus generiert wird, 0%. Im Videokanal des Kollektivs ist zu sehen, wie es funktioniert. Das Projekt wurde 2018 mit dem Wired Creative Hack Award ausgezeichnet.

Foto: RoseBox auf unsplash